Wir amüsieren uns …

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In diesen Tagen ist mir wieder ein Buch in die Hände gefallen, welches ich vor gut 20 Jahren gelesen hatte. Darin geht es um die Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie (damals vorrangig Fernsehen). Es scheint mir im Zusammenhang mit meiner in diesem Blog beschriebenen Recherche passend, darüber kurz zu berichten.

In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ beschreibt Neil Postman, wie uns das Fernsehen beeinflussen und manipulieren kann. Das war 1985, bezogen auf die Entwicklungen in den USA.
Postman vergleicht darin Orwells düstere Vision („1984“, Big-Brother und der Überwachungsstaat) mit Aldous Huxleys Ansichten („Schöne neuen Welt“, in der ohne Verbote manipuliert wird). Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Unterhaltungselektronik uns Menschen eher im Sinne von Huxleys Thesen beeinflusst.

Postman schreibt auch, dass das gedruckte Wort unter gebildeten Menschen einen höheren Wert hat, als das gesprochene Wort.

Weil mir das damals schlüssig erschien, war ich fortan vorsichtig mit dem, was mir das Fernsehen bot. Das Internet erschien mir da eine passende Alternative.

Inzwischen – und das hat mir meine Recherche zu meinen Finanzdienstleistern gezeigt – bewerte ich das anders. Ich habe den Eindruck, dass das Internet als Mischung aus Orwells und Huxleys Thesen Menschen einerseits überwacht und andererseits mit Zielgruppen gerechten Informationen versorgt.

Das erscheint Ihnen/ Euch unglaublich?
Dann empfehle ich die Lektüre der deutschen Huffington Post.

Herausgeber Cherno Jobatey schreibt dort z.B. in seinem Blog:
„… der „Türsteher des Wissens“, also in der Regel eine Suchmaschine, reagiert am besten auf „gut geölte“ Webseiten.“
(Quelle: http://www.huffingtonpost.de/cherno-jobatey/der-medienregenbogen-hat-_b_4068894.html)

Als Ingenieur weiß ich, dass die meisten Automaten – also auch Suchmaschinen – berechenbar agieren. Dass sie weniger manipulierbar sind als Journalisten bezweifle ich deshalb.

Dazu passt ein Blog-Beitrag sehr gut, den ich ebenfalls bei der Huffingtion-Post gefunden habe.
Mirko Lange schreibt darin u.a.:
„Am Ende gilt: Social Media ist tot, es lebe Social Media. Denn wenn man versteht, dass Unternehmen immer mehr davon abhängig sind, dass ihr „Content“ ihre Stakeholder nicht nur erreicht, sondern von ihnen auch konsumiert wird, und wenn man versteht, dass sich jedes Unternehmen mit einem unglaublich starken Wettbewerb in diesem Markt ausgesetzt sieht, dann sind wir bei einem neuen Begriff, der heute fast ebenso gehyped aber so oft auch wieder nur zur Hälfte in seinem Kern verstanden wird: beim „Content Marketing“.“
(Quelle: http://www.huffingtonpost.de/mirko-lange/die-social-media-enthusia_b_4132314.html)

Für einen Journalisten, dessen Anspruch es ist Informationen zu hinterfragen und zu bewerten, ist das ein Horror-Szenario.

Im Bezug auf das Fernsehen kam Neil Postman vor fast 30 Jahren zu dem Ergebnis:
„Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“

Bezüglich der Computertechnologie (also heute auch Internet) ging Postman damals bereits davon aus, dass sie zentrale These der Computertechnologie – dass die Hauptschwierigkeit bei der Lösung von Problemen in der Unzulänglichkeit des Datenmaterials gründe – ungeprüft übernommen werde.
Er folgerte daraus: „Bis man dann in einigen Jahren erkennt, dass die Speicherung gewaltiger Datenmengen und ihre lichtgeschwinde Abrufbarkeit zwar für große Organisationen von hohem Wert sind, dass sie den meisten Menschen aber bei wichtigen Entscheidungen wenig geholfen und ebenso viele Probleme hervorgebracht wie gelöst haben.“

Ja, das habe ich nun selbst erkennen müssen.

Ich möchte dazu ergänzen:

Problematisch ist, dass Online-Medien den Effekt noch verstärkt. (Revolutionen in fernen Ländern sehe ich da eher als Ausnahme.)

Problematisch ist, dass sich Printmedien (Zeitungen und Zeitschriften) dem Unterhaltungstrend anschließen.

Nie zuvor bot die Bild-Zeitung (inklusive Bild-Online) so viele Unterhaltungsthemen wie aktuell. Und die Quote scheint ihnen recht zu geben. Allerdings ist das mit der Quote so eine Sache. Das hat auch ein Versicherungsverkäufer erkannt: http://www.handelsvertreter-blog.de/2013/01/29/der-treue-leser-und-denkfehler-nr-4-der-strukturvertriebe/

Selbst „der Spiegel“ kommt zumindest beim Online-Auftritt auch nicht um Unterhaltungsthemen herum. Verkauft wird dort z.B. das Jungelcamp von RTL unter der Rubrik Kultur: http://www.spiegel.de/kultur/tv/dschungelcamp-vor-dem-finale-es-ist-schlecht-a-879809.html

Das nennt man dann wohl Kulturwandel.

Bei derart grenzenlosen Möglichkeiten der Informationsvermittlung, wünsche ich mir langsam wieder klare Grenzen – Leitplanken die mir helfen, Dinge effektiver beurteilen zu können.

Postman fragt warum niemend mehr im Geiste Voltairs, Goethes oder Miltons gegen den lärmenden Ansturm von Ungerechtigkeit zu den Waffen greift. „Was ist, wenn keine Angst- und Schmerzensschreie zu hören sind? Wer ist bereit sich gegen den Ansturm der Zerstreuung auflehnen? Bei wem führen wir Klage – wann?“

Trotz meiner Recherche bei Politikern und namenhaften Redaktionen, habe ich eher eine Bestätigung für die Fragen als entsprechende Antworten gefunden.

Das Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ endet mit dem Satz: „Die Menschen in Schöne neue Welt leiden nicht daran, dasss sie lachen, statt nachzudenken, sondern daran, dass sie nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben nachzudenken.“

Ich wünsche meinen Lesern einen guten Start ins neue Jahr.
V. F. Alle

P.S. Ich hatte versucht Herrn Jobatey auf seinen Denkfehler hinzuweisen. Für einen Kommentar auf der Homepage hätte ich mich über Facebook autentifizieren müssen, was ich nicht wollte. Meine E-Mail ging dagegen vermutlich zwischen den vielen Glückwünschen an die Redaktion unter.

P.P.S. Inzwischen fühle ich mich vom Fernsehen (zumindest dem öffentlich-rechtlichen) noch am besten informiert. Allerdings laufen da die journalistischen Beiträge meist zu Zeiten, in denen ich nicht fernsehen möchte. Dafür laufen zu den besten Sendezeiten Unterhaltungsshows und -filme. Das ist wohl der Tribut an die Kritiker, die sagen, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender gewisse Quoten nicht erreichen, dann können wir auf sie verzichten. Aber Quote ist eben nicht alles und eine Mehrheit für eine falsche Antwort im Quiz (Zuschauerfrage) macht daraus keine richtige Antwort.

P.P.S. Schön ist für mich folgende Erkenntnis: Unabhängige Berichterstattung kostet Geld – sie wird damit wertvoll. Das gilt für Zeitungen/Zeitschriften, Rundfunk-Medien und Online-Medien gleichermaßen. Siehe: https://netzpolitik.org/2013/wikipedia-wikimedia-foundation-geht-juristisch-gegen-pr-firma-vor/

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