Wer zahlt? Kostenlos ist nicht unbedingt kostenfrei

Gepostet am Aktualisiert am

Die meisten Menschen bekommen gerne Geschenke. Deshalb boomen im Moment kostenlose Dienstleistungen.

Kostenlose Finanzberatung ist ein Beispiel dafür. Kostenlose Informationsplattformen ein weiteres.

Gegen derartige Geschenke ist zunächst nicht einzuwenden. Bei genauer Betrachtung haben sie jedoch einen gewaltigen Haken. Irgendjemand zahlt immer. Aber nur solange der Kunde für etwas bezahlt, hat er auch Anspruch auf eine entsprechende Gegenleistung. Wenn jemand anderes bezahlt, dann wird der Zahler das Angebot nach seinen Vorstellungen gestalten.

Deshalb ist es so bedenklich, dass der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) laut der Süddeutschen Zeitung nun eine Wirtschaftsredaktion aufbaut, die größer werden soll als die durchschnittliche Wirtschaftredaktion einer Tageszeitung.

Kostenlose Produkte führen nebenbei dazu, dass wir den wirklichen Wert des Produktes oder der Dienstleistung irgendwann nicht mehr realistisch einschätzen können.

Auch der Profi-Bogger und Spiegel-Online-Redakteur Sascha Lobo ahnt, dass die neue „Sharing Economy“ ein Paradox ist und, dass Politik und Gesellschaft unzureichend darauf vorbereitet sind. Siehe: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-sharing-economy-wie-bei-uber-ist-plattform-kapitalismus-a-989584.html

Insofern lohnt es sich zu hinerfragen, was jeder einzelne von uns verlieren kann, wenn wir Dienste nur nach den günstigsten Kosten auswählen. Da kann sich jeder Mensch fragen, ob sich sein Beruf nicht auch durch ein „Sharing Economy“-Modell kostengünstiger realisieren lässt – zumindest solange der Anbieter damit selbst gutes Geld verdienen kann.*

Wir sollten uns langsam solchen unangenehmen Fragen stellen und nicht einfach zu einem angenehmeren Programm übergehen. Denn irgendwann wird auch das beste Marketing und das effektvollste Hollywood-Kino die Mängel in dem System nicht mehr verdecken können.

Im Moment scheint unsere Gesellschaft im „Et hät noch immer jot jejange!“-Modus. Es ist noch immer gut gegangen also konzentrieren wir uns lieber auf die schönen Dinge des Lebens. Wer Krisen erfolgreich vermeiden (oder bewältigen) will, der kommt nicht drum herum, sich auch mit unangenehmen Dingen zu beschäftigen.
Darin scheinen wir im Moment allerdings nicht sehr gut zu sein, denn unsere Nachrichten sind geprägt von Krisenberichten (Finanzkrise, Ukraine-Krise, Gaza-Krise, ISIS-Krise,…) und Unterhaltungsprogramm.

Viele Grüße,
Martin Ciupek

* Sie halten einen Lastwagenfahrer für nicht durch einen Billigdienst ersetzbar?
Dann stellen Sie sich einen Panzerfahrer vor, der keinen direkten Blick nach außen hat, sondern Spiegel dafür nutzt. Werden diese durch Kameras und einen großen Monitor ersetzt, könnte damit auch ein LKW gesteuert werden. Mit leistungsfähigen Computernetzen könnten die Daten der Kamera auch an ein Servicezentrum irgendwo in der Welt übertragen werden. Und jetzt?
Das Beispiel ist frei nach Gunter Dueck, dem ehemaligen Technologieentwickler bei IBM.
Der von Sacha Lobo definierte „Plattform-Kapitalismus“ scheint daher mit dem Manchester-Kapitalismus vom Beginn des Industriezeitalters vergleichbar. Das muss man erkennen, um Lösungen dafür zu finden.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Wer zahlt? Kostenlos ist nicht unbedingt kostenfrei

    Michael Butzek sagte:
    07/09/2014 um 10:45 am

    Das „Kostenlos ist nicht unbedingt kostenfrei“ sein muss habe ich leider schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen. Ich habe ca. 20 Jahre einem „guten Freund“, der für die DVAG arbeitet, vertraut. Seine Dienstleistung, mich in Finanzfragen zu beraten war immer „kostenlos“. Das er sich über Provisionen fininziert war auch mit klar, aber da er ein „guter Freund“ war und die DVAG auch immer agressiv kommuniziert hatte: „nur wenn der Kunde langfristig zufrieden ist kann auch der DVAG Berater davon leben“ habe ich lange keinen „Verdacht geschöpft“ (oder die Probleme naiv lange nicht sehen wollen“. Als die Unstimmigkeiten vor zwei Jahren kaum mehr zu übersehen waren, habe ich begonnen mich mal selber zu informieren und nachzurechnen. Ergebnis: Wenn ich statt mit der DVAG Geschäfte zu machen ganz spießg zur „Sparkasse um die Ecke“ gegangen wäre hatte ich heute ca. 70.000 Euro mehr. Ganz zu schweigen davon, wie viel ich jetzt mehr hätte wenn ich mich wirklich optimal um meine Finanzen gekümmert hätte. Somit hat mich die „kostenlose“ Beratung der DVAG mindestens 3.500 Euro jährlich gekostet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s