Die Abwicklung, ein Buch und die Parallelen

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Diesmal soll es nicht um die Abwicklung des SEB-Immoinvest-Fonds gehen, der Auslöser für meine Bloggeraktivitäten war. Diesmal soll es um das Buch „Die Abwicklung“ oder im Original „The Unwiding“ gehen.

In dem Buch beschreibt der Autor George Packer, wie einfache Menschen in den USA vor und nach der Finanzkrise 2008 daran arbeiten, ihren persönlichen amerikanischen Traum zu realisieren und sie von der Realität ernüchtert wurden. Das Buch zeigt wie Interessenvertreter (insbesondere aus der Finanzbranche) Politiker „beraten“ , um am Ende selbst davon zu profitieren. Es zeigt wie die Zweifel von Menschen auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen daran wachsen, dass der bisherige Weg ein guter Weg war.

Das Buch "die Abwicklung" begleitete mich 2014 mehrere Wochen. Ich fand erschreckend viele Parallelen zu meinen Recherchen und Erfahrungen. Hatte die Welt nicht von der Finanzkrise dazulernen wollen?
Das Buch „die Abwicklung“ begleitete mich 2014 mehrere Wochen. Ich fand erschreckend viele Parallelen zu meinen Recherchen und Erfahrungen. Hatte die Welt nicht von der Finanzkrise dazulernen wollen?

Vergleiche ich die Aussagen aus dem Buch so finde ich viele Parallelen zu den Lebenserfahrungen, dich ich gesammelt habe.

Bei Packer geht es um Städte und Menschen, die ihren Wohlstand durch die Stahl- und Automobilbranche erlangten. Es geht darum wie Menschen dort später des Traumes beraubt wurden, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. In Deutschland sieht es ähnlich aus. Stahlarbeiter im Saarland und im Ruhrgebiet sowie Krefeld haben das auch längst erfahren müssen. Zuletzt traf es Ende 2014 die Opel-Mitarbeiter (Opelaner) in Bochum.

Der Autor beschreibt auch den Aufstieg von Wal-Mart in den USA. Der Gründer der Supermarktkette hatte früh erkannt, dass günstige Produkte in Mehrfachpackungen auch Menschen mit geringen Einkommen, das Gefühl eines gewissen Wohlstands geben. Später viel das Unternehmen dadurch auf, dass Wal-Mart-Mitarbeiter ebenfalls niedrige Löhne erhielten.

Auch für solche Strategien gibt es längst Beispiele in Deutschland. Durch solche meist auswärts gelegenen Großkaufhäuser gehen kleine Läden kaputt. Das eigentliche Problem besteht aber darin, dass die Menschen die dadurch im Verhältnis zu anderen in niedrigere Löhne hineingezwungen werden, gar keine Alternativen mehr haben, als in Billigsupermärkten einzukaufen. Diejenigen die davon profitieren legen es dann gerne so aus, dass die Menschen das doch so wollen, sonst könnten sie sich ja anders entscheiden. Möglicherweise ist den finanziell besser Getellten nicht bewusst, dass es auf anderen gesellschaftlichen Ebenen weniger Handlungsoptionen gibt.

Interessant sind die Beschreibungen von Packer, wie Wal-Mart-Gründer Sam Walton (kurz Mr. Sam) tausende Menschen auf Mitarbeiterveranstaltungen motivierte. Als Kritik an den Arbeitsbedingungen laut wurde, soll es Mitarbeiter gegeben haben, die sagten: „wenn Mr Sam nur wüsste wie es in seinen Märkten zugeht, währe es sicher nicht zu schlimm.“
Bei meinen Recherchen über meinen Finanzdienstleister Deutsche Vermögensberatung (DVAG) und Unternehmensgründer Reinfried Pohl bin ich auf ähnliche Aussagen gestoßen, beispielsweise im Handelvertreter-Blog. Dort schrieb der Autor (ein Rechtsanwalt) über Vertriebsmitarbeiter die er juristisch vertrat folgendes: „Viele sagten mir, dass sie sicher wären, wenn der Dok dies wüsste, würde ihnen geholfen werden.“.

Im Laufe des Buches wird beschrieben, wie sich Persönlichkeiten in Politik und (Finanz-)Wirtschaft verhielten und wie Sie an ihren persönlichen Karrieren arbeiteten. Auf den Seiten 407 und 408 (3. Auflage der deutschen Fassung von 2013) fasst Buchautor Packer in wenigen Sätzen zusammen, wie sich die Finanzkrise zwischen 1998 und 2009 entwickelte.
Ein paar Sätze zur Auswahl:
„Die Banken bemerkten, dass sie nirgends so viel Geld verdienen konnten wie im Bereich der Mittelklasse.“
„Drei Dinge geschahen:
Die Gewinne stiegen enorm.
Boni stiegen noch viel mehr.
Das Risiko stieg stratosphärisch.
Dann stürzte alles wieder zur Erde, und die Banker traten vor das amerikanische Volk und sagten: ‚Oh man, wir haben hier ein echtes Problem, ihr müsst uns retten sonst gehen wir alle unter‘. Und das amerikanische Volk rettete die Banken.“

Packer hinterfragt in dem Buch „Die Abwicklung“ auch die Rolle der Medien.
Wie die klassischen Medien an Wert verloren berichtet er unter anderem auf Seite 351. Dort heißt es: „Die Säulen der alten Medien wurden zu Infotainment-Sendungen umgebaut, der Meinungsjournalismus war billiger als echte Berichterstattung und hielt die Zuschauer bei der Stange. Journalisten der alten Schule bekamen es mit der Angst zu tun, ….“

… Das können in Deutschland auch viele Journalisten der „alten Schule“ von sich sagen.
Das tragische ist aber nicht der Wandel bei den Interessen von Zuschauern, Zuhörern oder Lesern. Das eigentliche Problem ist in den USA wie auch in Deutschland, dass in der Zeit des Wandels Fehler eher den neuen Medien verziehen werden als den alten Medien.

Packers Beispiel dazu: „Journalisten der alten Schule bekamen es mit der Angst zu tun, weil Jayson Blair in der Times Geschichten erfand und Dan Rather bei 60 Minutes gefälschte Reportagen präsentierte, während bei jedem Hauch von Parteinahme die Wachhunde der Rechten und der Linken zornig bellten und die Jungstars der neuen Medien die verschüchterten Gatekeeper laut verhöhnten, bis niemand mehr wusste, wer eigentlich Recht hatte und wo die Wahrheit lag, bis das Vertrauen in die Presse verspielt und das Selbstverständnis eines ganzen Berufs zerstört war.“

Wer zum Jahresende 2014 in Deutschland die Kommunikation rund um die Pegida-Demonstrationen beobachtet hat, der bekommt ein ähnliches Bild. Da lassen sich RTL-Reporter, die verdeckt recherchieren, von Kollegen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens interviewen. (http://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/RTL-inkognito-bei-Pegida-So-gefaehrdet-man-Glaubwuerdigkeit,pegida150.html) Rechte schreien auf, Linke schreien auf. Die Parallelen sind verblüffend.

Es gibt aber auch Menschen, die sich davon nicht beirren lassen und investigativ Zusammenhänge aufdecken, sie analysieren und schließlich verständlich zusammenfassen.

Im Buch „Die Abwicklung“ steht dafür der Reporter Michael von Sickler. Auf Seite 229 beschreibt Packer seine Arbeit bei der Zeitung St. Petersburg Times als Traumjob. „Die Aussichten waren nicht gut gewesen – überall wurden Stellen gestrichen, einige Zeitungen mussten wegen der Konkurrenz des Internets und dem damit einhergehenden Anzeigenrückgangs schließen. Der Times ging es vergleichsweise gut, …“
Van Sickler gehörte nach Recherchen von George Packer zu den Reportern, die Unrecht ans Licht brachten. „Doch nur ein einziges Mal gelang es ihm jemanden zu stürzen, und das war Sonny Kim“, heißt es auf Seite 233 des Buches.
Wie „Unternehmer“ wie Sonny Kim mit Immobilien und Hypothekengeschäften reich wurden, wird auf Seite 243 deutlich. Dort steht auch, dass die meisten Journalisten davon überzeugt waren, dass für die Finanzkrise eigentlich jeder verantwortlich war. Van Sickler hielt dagegen nichts von Aussagen wie „Die Gier war nicht mehr zu bändigen. Wir sind einfach alle unglaublich gierig geworden, keiner kann wirklich sagen warum, jeder wollte ein Haus haben, dass er sich nicht leisten konnte.“ Laut Packer dachte Van Sickler wie folgt: „Das ist journalistische Faulheit. Das sind ein paar hingeworfene Sätze für Politiker, die kein Interesse an Aufklärung haben.“

Bei meinen persönlichen Recherchen stieß ich auf ähnliche Aussagen. Teils von einfachen Journalisten, einmal auch von einem Herausgeber einer großen Zeitung.

Zurück zu „Abwicklung“: Mit dem Artikel von Van Sickler bekam die Hypothekenkrise ein Gesicht. Für ihn war Sonny Kim allerdings nur ein Name und ein Gesicht. Laut Packer begann sich das FBI nach Erscheinen von Van Sicklers Beitrag für Kim zu interessieren. Sonny Kim zeigte sich bereit als Zeuge der Anklage aufzutreten und Van Sickler konnte beobachten, wie der Fall von der Bundespolizei bis hin zu den „großen Fischen“ aufgerollt wurde.
Laut dem Buch „Die Abwicklung“ wurde Van Sickler Anfang 2010 von der Finanzkrise abgezogen. Sonny Kim wurde im Juni 2010 verurteilt. Weiter heißt es dort auf Seite 355: „Die Staatsanwaltschaft gab bekannt, dass Kim Teil einer größeren Verschwörung war und weitere Ermittlungen folgen, aber Monate vergingen in denen keine neuen Ergebnisse hereinkamen.“ Für van Sickler war das unglaublich, und er stellte fest: „Es wird eines der größten Rätsel der Geschichte sein, warum der Generalstaatsanwalt diese Betrugsfälle nicht als Priorität behandelte, als Obama ins Weiße Haus zog.“

Auch ich wundere mich darüber, wie lässig DVAG-Aufsichtsrat Theo Waigel, die Bankenaufsicht und aktuelle Politiker auf meine Recherchen reagierten. Klarer wurde mir das allerdings nachdem ich Beiträge zur Verflechtung meines Finanzdienstleisters mit hochrangigen Persönlichkeiten aus Politik und Sport gelesen hatte – leider zu spät.

Zurück in die USA. Nach Obamas Wahl änderte sich aus Sicht des Buchautor George Packer nichts: „Nur die Banken machten wieder Geschäfte, die Konzerne und die Reichen verdienten mehr den je, und der Rest des Landes musste Bluten.“
Damit begann in den USA der Kampf gegen den Kapitalismus, der besonders durch die Bewegung „Occupy Wall Street“ eine breite Öffentlichkeit erreichte (ab Seite 422). Menschen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen kamen zusammen und diskutierten, was in ihren Leben und den Entwicklungen in ihrem Land schief gelaufen ist.
Der Begriff „Einkommensschere“ wurde zunehmend genutzt. Es wurde darüber berichtet, dass ungerechte Einkommensverteilung in der jüngeren Geschichte immer zu „kommunistischen Revolutionen“ geführt hatte. Politiker Newt Grinch kamen zum Ergebnis, dass die Bewegung darauf beruht, „dass wir denen etwas schuldig sind.“ Schnell ging es darum, dass die Demonstranten diejenigen behindern die auf die Arbeit gehen wollen und Steuern bezahlen, während sie selbst öffentliche Einrichtungen benutzten und verschmutzten, die sie nicht bezahlt hätten.

Manche Menschen die zuvor begeistert waren, merkten wie schwer es ist sich dauerhaft für die Sache zu engagieren. Andere verloren das Interesse, als einzelne „gebildete Gruppen“ die Richtung von Occupy vorzugeben begannen. Menschen, die keine Bücher lasen und die sich nicht so ausdrücken konnten, aber dafür einen guten Draht zu anderen einfachen Menschen hatten, fühlten sich außen vor. So demontierte sich die Organisation, die Potenzial hatte die Interessen der einfachen Menschen zu vertreten, quasi selbst.

Auch in Deutschland spüren Menschen aus der Mittel- und Unterschicht, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Dummerweise schließen sich solche Menschen dann auch Demonstrationen an, die dafür Ausländer oder noch konkreter den Islam verantwortlich machen. Aktuelles Beispiel dafür ist Pegida.

In einer globalisierten Welt gibt es aber nicht nur Parallelen zwischen Amerika und Europa, sondern auch zu Asien.
Auf einer Reise im Raum Stuttgart hörte ich ein Gespräch zwischen einer Deutschen und einem Kroaten. Die Deutsche, die lange in Japan gelebt hatte, erklärte warum sie mit ihren Kindern unbedingt wieder nach Deutschland wollte. Der gesellschaftliche Druck auf junge Menschen in Japan Karriere zu machen sei so groß, dass sie das ihren in Japan aufgewachsenen Kindern nicht zumuten wollte. Das Problem: Nun fühlen sich die Kinder in Deutschland fremd.

Unabhängig von Ländern und Branchen wird deutlich, dass ein Wachstum auch in einer globalisierten Welt nicht grenzenlos ist. So müssen wir uns wohl darauf einrichten, dass Menschen ihren Wohlstand nur zu Lasten anderer Menschen signifikant erhöhen können oder, dass wir uns von einem grenzenlosen Aufstieg verabschieden sollten.

Das bekommt inzwischen auch mein Sohn (Teenager) mit. Selbst robuste und gepflegte Qualitätsspielzeuge lassen sich inzwischen nur noch mit großen Verlusten verkaufen. Das merkt er besonders bei Playmobil-Figuren und Zubehör. Die Kinder von heute spielen scheinbar lieber am Computer. Der Wertverlust für Software ist zwar noch gigantischer. Doch das wird scheinbar akzeptiert. Aber das ist aber ein anderes Thema.

Und noch etwas wurde mir bei meinen Recherchen klar. Es gibt nicht „die Guten“ und „die Bösen“ Interessengruppen. Sowohl bei Finanzprofis, als auch bei ihren Kunden und Politikern gibt es Menschen die ihr Handeln reflektieren und ihr Leben früher oder später entsprechend anpassen. Auch in George Packers Buch werden solche Menschen beschrieben.

Und: noch ein sponataner Nachruf. Erst durch seinen Tod wurde ich am 3. Januar 2015 auf den deutschen Soziologen Ulrich Beck aufmerksam. Er hatte Ende 2008 in einem Interview gesagt: „Die Finanzkrise hat aus Schurken Helden gemacht“. Immer wieder kritisierte er die Rolle führender deutscher Politiker im Zusammenhang mit der Finanzkrise. Damals (2008) glaubte ich noch daran mit meinem Finanzdienstleister und der von mir gewählten Regierung auf der Gewinnerseite zu sein. Daher hätte ich seinen Äußerungen kritisch gegenüber gestanden. Heute, wenige Jahre später, hat mich die Realität eingeholt. Beck hat also Recht behalten und die Welt verliert mit ihm einen großen Intellektuellen.

Überraschend klar erschien mir zur Weihnachtszeit die Meinung von Papst Franziskus, bei dem Politiker verschiedener Länder inzwischen Rat suchen und vor dem hochrangige Würdenträger (die sich zu weit von der Basis entfernt haben) zittern. Er hatte sich im Bezug auf Griechenland kritisch dazu geäußert, dass Politiker zuvorderst an die Banken denken. Umgekehrt ergibt sich ein klarer Auftrag:

Menschen retten statt Banken !

Das ist doch ein guter Vorsatz für das neue Jahr.

Wann fangen wir also damit an?

Viele Grüße,
V. F. Alle

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