Die Normalität der Anderen

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„Ich glaube das hat er nie verstanden; dass das, was hier in Hannover normal war, wo man sich kennt, … …dass das was in Hannover so funktioniert, in der Landespolitik, in Berlin nicht mehr funktioniert!“

Das Zitat ist aus dem ARD-Dokumentarfilm „Der Hannover-Komplex“

http://programm.ard.de/TV/daserste/der-hannover-komplex/eid_2810617363430620#

Es stammt von Jürgen Trittin. Der ehemalige niedersächsische Minister und Bundestagsabgeordnete der Grünen, sagte den Satz in einem Gespräch mit Journalisten der ARD über den ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsident und Bundespräsidenten Christian Wulff. Gemeint waren die engen, fast persönlichen Kontakte zu Wirtschaftsgrößen und Journalisten (z.B. Bildzeitung).

 

ARD_Hannover-Komplex
ARD-Film zum „Hannover-Komplex: Leider war der Film nur wenige Tage in der Mediethek abrufbar. Quelle: Das Erste

Trittin könnte sich allerdings irren. Denn was in Hannover zur Normalität wurde, ist längst auch für einige Bundespolitiker Normalität geworden. In der Vergangenheit, gab es dafür Gründe, von denen viele Bundesbürger auch profitiert haben. Zu glauben, dass sich eine solches Konzept endlos in die Zukunft fortführen lässt, halte ich aber inzwischen für fatal.

 

Im ARD-Beitrag geht darum, wie hochrangige Politiker (Schröder, Gabriel, Wulff, Rösler, von der Leyen, Oppermann und Trittin) den Aufstieg aus der politischen „Provinz“ in höchste Ebenen der Bundespolitik schafften und welche Rolle dabei Wirtschaftspersönlichkeiten wie Carsten Maschmeyer (AWD) und Ferdiand Piech (VW) aber auch die Redaktion der BILD-Zeitung spielten.

Es geht darum dass der Chef des Finanzdienstleisters AWD keinen Hehl daraus machte, dass er für seine Anzeigenkampagne „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein!“ eine Gegenleistung erwartet. Es geht darum, wie Maschmeyer den Sport (Sponsoring beim Fußball-Bundesligisten Hannover 96) für seine Marketing- und Netzwerkzwecke nutze.

Es geht darum, wie Wulff zunächst gegen VW-Patriarch Piech agierte und wie er sich später (Übernahmeversuch durch Porsche) strategisch mit ihm solidarisierte.

 

Verschiedene Persönlichkeiten kommen in dem Beitrag zu Wort. Immer wieder wird beteuert, dass die Netzwerke wichtig waren und letztlich zum Wohle Hannovers und Niedersachsen beigetragen hätten. Mehrfach wird die Nähe zwischen Politik, Wirtschaft und Unterhaltungsbranche zur Normalität unter Gleichgesinnten erklärt. Dazu gehören auch die guten Beziehungen, die Ex-Kanzler Gerhard Schröder ebenso wie zunächst auch Christian Wulff zur Bild-Zeitung pflegten.

 

Was meiner Meinung nach etwas untergeht ist, dass immer wieder die Beziehungen um den Finanzprofi Carsten Maschmeyer (AWD) groß beleuchtet werden und kaum die Verflechtungen von  Reinfried Pohl, dem Gründer des Finanzdienstleisters Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG).  Der Finanzunternehmer pflegte enge Kontakte zu Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und auch der Bild-Zeitung.
Nur zur Erinnerung: Die DVAG war ein Großspender der CDU. Kohl wurde nach seiner Amtszeit als Bundeskanzler Beirat der DVAG. Sein ehemaliger Kanzleramtschef Friedrich Bohl sowie Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel übernahmen Aufgaben im Aufsichtsrat der DVAG. Der finanzdienstleiter hat die „Kontaktpflege“ längst professionalisiert. Heute hat die DVAG einen Marketingvorstand, der offiziell auch für „Markt und Regulierung“ zuständig ist.

Gute politische Kontakte helfen natürlich frühzeitig Einblicke in Gesetzgebungsverfahren zu bekommen und entsprechende Vorschläge einzubringen. So bewerte ich es nicht mehr als Zufall, dass die Banken seit der letzten Finanzkrise zwar stärker überwacht und reguliert werden, die DVAG als Finanzvertrieb aber nicht.

Die DAVG macht zudem beim Sportmarketing dort weiter wo Carsten Maschmeyer aufgehört hat. Aktuell ist Jürgen Klopp der wichtigste Werbepartner. Derzeit wird mit Klopp sogar vor den Sportblöcken in den Morgenmagazinen von ARD und ZDF geworben. Da trifft es sich gut, dass er aktuell auch mit seinem Verein Liverpool sehr erfolgreich ist und dann auch in den Sportberichten auftaucht, ebenso wie Schwimmer die dann nebenbei mit dem DVAG-Logo vor der Kamera stehen. Mehr Marketingpräsenz geht kaum.

 

Marketingtechnisch läuft es also gut für den Finanzdienstleister DVAG. Ich frage mich nur, warum kaum jemand die Parallelen zu Maschmeyers AWD erkennt. Denn nach Helmut Kohl pflegen auch aktuelle CDU-Politiker Kontakte zur DVAG. Die Bundeskanzlerin bescheinigte DVAG-Gründer Pohl 2013: Sie haben das Angebot von Allfinanzleistungen populär gemacht, Sicherung aus einer Hand, weil es um den Menschen geht und nicht um das Produkt.“ Und ein aktueller Ministerpräsident verlieh ihm Ende 2012 im Beisein von Altkanzler Kohl den Verdienstorden seines Landes. Kohl hatte Pohl bereits 1993 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen und  1998  das großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

 

Insofern komme ich zu dem Ergebnis, dass sich Jürgen Trittin mit seiner obigen Aussage geirrt hat. Was in Hannover funktioniert, gelingt inzwischen längst auch auf Bundesebene.

 

Für diejenigen, die schon länger Teil des Systems sind, mag das normal erscheinen.  Für Außenstehende ist das sehr befremdlich. Ich lade Herrn Trittin und die anderen von mir erwähnten Politiker gerne zu einem persönlichen Gespräch ein.

 

Viele Grüße,

V. F. Alle

 

 

 

 

 

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