Willkommen im Lobbyismus – der nächst Schritt zum Selbstbetrug

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Irgendwie hatte ich es bei meinen Recherchen über meinen Finanzdienstleister ja bereits geahnt, dass die erfolgreiche Lobbyarbeit der Finanzbranche irgendwann auch „Vorbild“ für andere Branchen wird. In meinem Blog hatte ich allerdings bisher eher den Begriff Empfehlungsmarketing verwendet, der die Grundlage erfolgreicher Lobbyarbeit ist.
Jetzt ist der Lobbyismus auch in meinem direkten Umfeld angekommen. Von Branchenvertretern, bei denen ich bisher eigentlich immer willkommen war, wurde ich kürzlich in der Pause einer Konferenz freundlich darüber informiert, dass man interne Dinge zu besprechen habe. Später erfuhr ich, dass es um Strategien für die eigene Lobbyarbeit ging.

Für mich ist das sehr befremdlich. Längst ist doch klar, dass die Politik-Berater in Berlin und Brüssel zwar die Interessen der von ihnen vertretenen Unternehmen und Branchen im Blick haben und immer weniger die Interessen der Bürger bzw. Verbraucher. Sonst müssten wir nicht über Probleme der privaten Altersvorsorge diskutieren und auch nicht über praxisuntaugliche Abgasmessungen in der Automobilindustrie.

In Deutschland verstellt uns zudem die starke Konzentration auf die aktuelle Flüchtlingspolitik, den Blick auf andere dringende Baustellen, z. B. auch die Folgen des Atomausstiegs. Ein Topmanager berichtete mir vor wenigen Tagen, dass der Rückbau der deutschen Kernkraftwerke längst nicht geklärt sei und er sich sehr darüber wundere, dass jetzt wieder über die Höhe der dafür notwendigen finanziellen Rücklagen debattiert werde. In den USA haben die Betreiber nach seinen Aussagen mehrere hundert Millionen Dollar hohe Bargeld-Rücklagen für jede Anlage gebildet. Wenn der Rückbau billiger werde, dann hätten diese sogar wieder Geld übrig. In Deutschland sehe es danach aus, dass nicht genügend Geld vorhanden sei und Kosten auf die Allgemeinheit umgelegt werden müsste. Das erinnert mich stark an die letzte Finanzkrise.

Aber zurück zum Empfehlungsmarketing, welche im Lobbyismus eine wichtige Rolle spielt. Wie ich bereits in meinem Beitrag „Empfehlungsmarketing wirkt auf allen Ebenen“ berichtete, geht es sowohl darum Politiker für die eigene Sache zu begeistern als auch die Öffentlichkeit (potenzielle Kunden und Mitarbeiter). Das geschieht inzwischen verstärkt über „Content Marketing“. Unternehmen nutzen dabei auch die aktuelle Finanzschwäche von klassischen Medien und bieten eigene, gut aufbereitete und inzwischen häufig auch multimediale Inhalte – sogenannten Content.
Immer öfter gehen Unternehmen diesen Weg, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Im einfachsten Fall geht es darum ein bestimmtes Produkt oder eine Produktgruppe als besonders relevant für die Öffentlichkeit oder zumindest die entsprechende Zielgruppe darzustellen. In anderen Fällen geht es um die Zustimmung oder Ablehnung von Großprojekten.
Details dazu hat die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung kürzlich veröffentlicht:
https://www.otto-brenner-stiftung.de/otto-brenner-stiftung/aktuelles/content-marketing.html
Wem Studien zu trocken sind, dem empfehle ich einen Beitrag in der Wochenzeitung „Die Zeit“, die der sehr lesenswert konkrete Beispiele des Content Marketings beschreibt:
http://www.zeit.de/2016/25/content-marketing-journalismus-unternehmen-kundendaten

Die Meinung von Politikern und Bürgern wird also immer stärker beeinflusst. Immer mehr Unternehmen nutzen die Möglichkeit des Content Marketing – entweder einfach weil sie es können und es dafür scheinbar keine wirksamen Grenzen gibt, oder weil sie das „tun müssen“, weil das ja alle tun. Die Digitalisierung hilft ihnen dabei.

Ich finde das irre und unverantwortlich.
Solche Strategien führen zu Selbstbetrug. Positiver ausgedrückt ist das Zweckoptimismus. Mit einer aus eigenenen Interessen vorwiegend positiven Berichterstattung, werden die negativen Warnsignale immer öfter ausgeblendet.
Fakt ist: Damit wird verhindert, das längst überfällige Reformen angepackt werden.
Um klar zu machen, worum es gerade geht, habe ich schon vor längerer Zeit ein Schild entworfen. „Aussitzen verboten – Kinder haften für ihre Eltern“ ist meine Botschaft.

AussitzenVerboten
Aussitzen verboten:  Können wir es uns leisten so weiterzumachen wie bisher? Ich glaube nicht. Diejenigen, die heute die Macht haben etwas zu verändern, verhalten sich äußerst passiv. Sie könnten damit sogar noch durchkommen. Für die Generation danach wird es aber umso schwerer, die „Altlasten“ (ungelösten Probleme) zu bewältigen.

Als Vater sehe ich mich in der Verantwortung für meine Kinder. Damit meine ich nicht nur die Erziehung und was ich ihnen vielleicht bei meinem Ableben an materiellen oder finanziellen Dingen hinterlasse. Mir geht es darum ihnen einen Lebensraum zu hinterlassen, der es ihnen erlaubt, ihr eigenes Leben und ihre eigene Zukunft zu gestalten.

Die eigenen Interessen zu vertreten, ist dabei für mich nicht das eigentliche Problem. Nur wird im Zeitalter der Digitalisierung fast alles bis zum Geht-nicht-mehr optimiert. Und weil Lobbyismus bisher gut funktionierte, wir das nun scheinbar ausgereizt.
Dabei ist es wie in der Medizin: Es hängt von der Dosierung ab, ob eine Substanz eine heilende oder eine vernichtende Wirkung entfaltet.

Viele Grüße,
V. F. Alle

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